Text: Hans Well Fotos: privat
Diese Liedzeile »Nur die Freiheit ist das Paradies« hörte ich zum ersten Mal vom Kraudn Sepp, als er das Zuchthaus-Lied sang. Sie betrifft auch meine Befreiung von einer Volksmusik-Szene, mit deren 1.000-jährigem Mief (dazu später) ich aufgewachsen bin. Einen Freiheitsgeist wie den Kraudn Sepp schloss diese aus, seine Spottlieder gegen Jäger und andere Obrigkeiten und noch dazu lustige Lieder galten als suspekt. Volkslieder durften nicht unterhaltsam sein, sie sollten nur volkspädagogisch Sauberes pflegen.
Die heile Welt im Volkslied
Meiner volksmusikalischen Erziehung verdanke ich aber, dass ich den Reichtum und die Vielfalt alpenländischer Lieder und Melodien kennenlernen und nutzen konnte. Mein Vater war ein Dorfschullehrer alter Prägung, der viel Wert auf Singen und Musik legte. Jeden Schultag begann er mit Stimmübungen und einem Lied. Wer beim Lehrer Well gut singen konnte, bekam – auch wenn er nur bis 3 zählen konnte – in Mathematik eine gute Note. Dass der Musikunterricht an bayerischen Schulen zum Streichkonzert bei Musikstunden verkümmert ist, ist eines Kulturstaates unwürdig!
Im Volkslied-Repertoire unserer 15-köpfigen Familie wurde wie damals üblich das Dorf in der Kirche gelassen; es gab viel bairisches Herz, kaum Unterleib und Hirn. Volkslieder waren eine todernste Sache; eigentlich lustige Lieder wurden so fad schön gesungen, dass sie jeden Witz verloren. Lieder und Stückl der bairischen Volksmusik lagen in den 1960er-Jahren einbalsamiert in musealen Zuchthäusern, gehütet von den Gralshütern Echter Volksmusik. Diese Fossilien zelebrierten ihr Volksgut im Bewusstsein, Bayern als letzte Generation gegen einen wesensfremden musikalischen Klimawandel verteidigen zu müssen. Tagsüber arbeiteten diese Volksmusik-Taliban zwar bei Siemens oder der City Bank, am Abend in der Stubn aber spannten Bauern Rappen an, dengelten Knecht und Mägde. Die Lieder schwelgten von Oima mit Koima und Gamsal, obwohl Massentierhaltung im flurbereinigten Land unter dem Motto: Wachsen oder Weichen bäuerliche Existenzen vernichtete. Auf riesigen Äckern ackerte ein Bauer, der Plural Bauerndorf galt nicht mehr. Der Andachtsjodler in der Kirche klang immer gestresster und gepresster. Außer in Volksiedern existierte diese heile bäuerliche Welt nur noch in Wahlreden einer ewigen Heimatpartei.
Während die Volkslieder heile Welten konservierten, schafften Planierraupen längst eine andere Heimat. Dieter Wieland, der große Dokumentarfilmer, hielt in seinen Topografien und der Ausstellung Grün kaputt fest, wie Kulturlandschaften hergerichtet, zugerichtet, hingerichtet wurden. Die so schön besungenen Bauerndörfer ersetzte ein seriell gebauter Siedlungsbrei aus Toskana-Villen und verzierten Lagerhallen.
Mit der BayWa nach Berlin
Nachdem ich nach dem Kraudn Sepp und den Geschwistern Simbeck den Fredl Fesl kennengelernt hatte, war mein Weg in die volksmusikalische Freiheit klar. Ich stieg bei unserer Familienmusik aus und sang auf Kleinkunstbühnen zunächst allein, schließlich mit zwei Brüdern aktualisierte Volkslieder, wagte mich bald an eigene Texte. Der erste Volltreffer war dann meine Umdichtung der Bayernhymne in Gott mit dir du Land der BayWa – deutscher Dünger aus Phosphat, | über deinen weiten Fluren – liegt Chemie von fruah bis spat. | Und so wachsen deine Rüben – so ernährest du die Sau. | Herrgott bleib dahoam im Himmi – mir hom Nitrophoska blau. Diese Reminiszenz an die industrielle Landwirtschaft rundumadum und andere Lieder brachten uns den Hass traditioneller Volksmusiker und Politiker, die uns als Hymnen- und Volkslied-Verhunzer schmähten.
Weil ich in der live Aufzeichnung einer BR-Sendung mit dem BayWa-Lied standhaft blieb, flogen statt dem Lied wir Biermösln aus dem Heimatsender. Für 20 Jahre! Durch diese BayWa-Hymne wurden wir dann berühmt-berüchtigt, Dieter Hildebrandt lud uns in seine Berliner Kabarettsendung ein – viele junge Leute bekamen einen neuen Zugang zur Volksmusik. Sie identifizierten sich mit uns, weil wir sie nicht verarschten, sondern ihr mit zeitgemäßen Texten wieder neuer Leben einbliesen. Für Politik interessierte ich mich erst ab dem Zeitpunkt ernsthaft, als wir ein Politikum geworden waren.
Politisch-pointiert statt braver Landler
Besonders hartnäckig missverstanden wurden wir in nördlichen Gebieten, wo das Publikum traditionelle Volksmusik notorisch mit volkstümlichen Big Macs à la Musikantenstadl verwechselte. Schunkelten aber Hamburger anfangs beim Landler noch ironisch mit, änderte sich das spätestens nach dem ersten Lied, wenn wir vom Atom-Sabinchen, der Verwandlung vom Altmühltal in einen Kanal oder lokale Gstanzln über den Auftrittsort sangen. Die pointiert-politischen Texte ohne erigierten Zeigefinger und der Mix witziger Texte relativierten Bayernklischees und förderten spontan bayerisches Sprachverständnis, wie Reaktionen auf Pointen zeigten. »Dürft ihr das denn in Bayern singen? «, fragten Nordlichter uns oft erstaunt. Durften wir – außer im BR. Auch bayerische Volksmusiker sahen diese Freiheit ungern. Als der Zapf Rudi, Sohn des Vorstands des Bayerischen Trachtenverbands, beim Volkstanz einmal mit dem Stofferl verwechselt wurde, wäre er ums Arschlecken verprügelt worden. Nur, dass wir Biermösln Krischperl sind, setzte unserer Freiheit Grenzen.
Heute kann man ohne Gefahr für die körperliche Unversehrtheit Volksmusik aus Afrika, Südamerika, ja sogar Franken mischen. Jede(r) hat die Freiheit, Landler mit Salsa, Ragtime, Balkansongs und allem, was man gerne spielt, zu kombinieren. Diese Freiheit steht diametral zur Zwanghaftigkeit, die in meiner Jugend Volksmusik so uncool machte, und wirkt vitalisierend gegen die Inzucht ewig gleicher Stücke.
»Durch diese BayWa-Hymne
wurden wir dann berühmt-berüchtigt.«
Freier, kritischer Geist statt Retrostil
Der Mief 1.000-jähriger Zeiten, der in meiner Kindheit die Unfreiheit der Volksmusik stark geprägt hatte, scheint verflogen. Während des Dritten Reiches hatten sich einige bayerische Volkstums-Führer von der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis vereinnahmen lassen. Volksmusik-Päpste wie Wastl Fanderl spielten dabei eine unrühmlich aktive Rolle. Auch mein volksmusik-begeisterter Vater wollte den Missbrauch durch die Nazi-Verbrecher lange nicht sehen. Wirksamer als jeder Geschichtsunterricht war für mich Anfang 1980 eine ZDF-Dokumentation über die Comedian Harmonists. Die sangen auch Deutsche Volkslieder – zum Weinen schön. Weil drei davon jüdischen Glaubens waren, mussten sie emigrieren, um nicht wie Millionen andere umgebracht zu werden. Noch 40 Jahre später galt auch die Punkmusik der Toten Hosen, die wir beim Anti-WAA Festival in Wackersdorf kennengelernt hatten, als entartet. Die singen zwar nicht so schön, wie die Comedian Harmonists, dafür aber lauter. Auf den gemeinsamen Tourneen konnte ich die Hosn auf der Steirischen nicht begleiten, meine volksmusikalische Grundausbildung gab das nicht her. Ich rächte mich dafür mit komplizierten lokalen Gstanzln, die ich für jeden Auftrittsort auch für die Hosn reimte.
Schade, dass die Lust vom Kraudn Sepp, Fredl Fesl, Hans Söllner oder Georg Ringsgwandl, über politische Zustände oder Zwänge zu spotten, derzeit arg kurz kommt. Dabei erleben ja auch Volksmusikanten politische Realitäten wie Mietwucher oder die Bedrohung der Demokratie durch die AfD. Dass so was auch ein Publikum findet, zeigen Dicht und ergreifend.
Inzwischen ist Volksmusik so frei, dass sogar Sendungen im Stil früherer BR-Volksmusik-Zeiten wiederkehren. Gegen deren ranzige Zwanghaftigkeit im Retrostil wünschte ich mir Teilnehmer, die abgesprochene Frage-Antwort-Dialoge einfach sprengen – gleich würde so eine Sendung lebendiger und freier. Freiheit ist so ziemlich das Beste, was man sich wünschen kann. Freiheit in der Musik auszuleben ist ein Menschenrecht. Überhaupts ist nur die Freiheit das Paradies.
Zum Autor
Hans Well (geb. 1953) wuchs als neuntes von 15 Kindern auf. Vor 45 Jahren gründete er mit Michael und Christoph Well die Biermösl Blosn, 35 Jahre lang begeisterten sie ihr Publikum, zum Teil mit Dieter Hildebrandt, Jörg Hube und Gerhard Polt. Hans Well schrieb bis zum Ende 2012 nicht nur alle Texte der Biermösl Blosn, sondern zusammen mit Gerhard Polt auch gemeinsame Programme für die Münchner Kammerspiele und das Residenztheater. Außerdem textete er Gstanzl für die Toten Hosen. Inzwischen verdammte ihn das Schicksal zur nächsten Familienbande, den Wellbappn, an deren Existenz er mitschuldig ist. Er dilettiert auf Gitarre, Steirischer Harmonika, Alphorn oder Tuba.











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